Ein besonderer Titel, den ich euch in meinem letzten Budget-Überblick verschwiegen habe, ist der “Geheimakte”-Zweiteiler der deutschen Studios “Animation Arts” und “Fusionsphere Systems”, in denen ihr als Berlinerin Nina Kalenkow durch die Welt reist. Dader erste Teil aktuell seine Wiedergeburt auf aktuellen Nintendo-Konsolen erlebt, dachte ich, es ist an der Zeit, einmal die Spiele an sich zu bewerten. (Natürlich anhand der “originalen” PC-Version.)
Ein derart umfangreiches Spiel sollte nicht leichtfertig abgeurteilt werden, daher hier das wohl verspätetste Review in der Geschichte verspäteter Reviews:
Humor:
Um gleich negativ zu beginnen: Meiner Meinung nach hat der Publisher Deep Silver es - insbesondere im zweiten Teil - mit dem “Meta-Humor” weit, weeeit, weit übertrieben. Die Tatsache, dass Nina (vor Allem in Paris) ständig Kommentare abgibt, die durchblicken lassen, dass sie eine Figur in einem Spiel ist, hat mich persönlich anfangs noch amüsiert, aber irgendwann war es einfach nur störend, da es mich ständig aus der Story herausgeworfen hat.
(Im Gegensatz z. B. zur “Gastrolle” im ersten Teil, die noch eine erfrischende Ausnahme darstellte.) Mein größter Kritikpunkt in dieser Hinsicht ist aber eine bestimmte Situation am Ende des zweiten Teils, auf die ich hier nicht näher eingehen will. (Wer es gespielt hat, wird wissen, was ich meine.) Wer ist denn bitte auf die Idee gekommen, hier sämtliche Kontinuität über Bord zu werfen - nur um dann zu sagen: “Ups, naja - sagen wir einfach, das sei jetzt gar nicht wirklich passiert!”? Sowas mag in einem Monkey Island funktionieren, in dem der Humor ohnehin so abgedreht und verrückt ist, dass man davon ausgeht, dass ALLES möglich ist, aber doch nicht in einem Spiel, wie “Geheimakte 1/2″, das andererorts gerade versucht, einen gewissen Realismus aufzubauen. Sorry, aber diese Stelle war für mich der absolute Tiefpunkt der gesamten Serie.
Größter Pluspunkt waren hingegen wieder Ninas bissige Kommentare, vor Allem zu völlig unsinnigen Aktionen und ihrer - durchaus begründeten - Aversion gegen Zahlenschlösser.
Figuren:
Kurz: zu wenig SAM! Ich muss wirklich sagen, dass mich diese Figur mit ihrem Charme, Wortwitz und Intellekt absolut begeistert hat (Eigentlich fand Ich sie sogar direkt sympathischer als Nina). Ich habe mich (zumal sie ja auf dem Cover vertreten ist) wirklich von Beginn an auf grandiose Wortgefechte zwischen ihr und Nina (Natürlich aus Eifersucht über Max) gefreut. Bitte, liebe Entwickler, bringt sie im nächsten Teil zurück und gebt ihr eine angemessene Rolle - ich bin sicher, dass sie absolut das Zeug zum Publikumsliebling hat! Meine Bitte an die Entwickler: Bitte mehr von Sam und Max!
Rätsel und Umfang:
In wenigen Worten: Es war schlicht zu kurz! Hinsichtlich seiner R/m² (Rätsel pro Quadratmeter
) war das Spiel dafür aber perfekt. Ich finde es gut, dass es nie zu viele Screens auf einmal gibt, sodass mich selbst ein “blindes Ausprobieren” im Notfall recht schnell weiterbringt.
Spielehilfen und Rätsellogik:
Im ersten Teil musste ich ganze zwei mal eine Komplettlösung zu rate ziehen (Für Kenner: 1. Ich war zu blöd, die Lampe im Museum trotz Rätselhilfe zu sehen - 2. Ich wäre im Leben nicht hinter die Zahlenkombination mit dem Piraten-Katzen-Pagapeien-Spinnenbild gekommen) was im zweiten Teil überhaupt nicht mehr nötig war. Da die Suche in Lösungen oder Foren auch immer eine extreme Spoiler-Gefahr mit sich birgt, bin ich über jede subtilere Hilfe innerhalb des Spieles (eher im Stile eines Runaway 2 als in Geheimakte, wo die “Holzhammer-Rätselhilfe zu den eher leichteren Rätseln” meiner meinung nach eher wenig hilfreich war) dankbar. Natürlich sollte eine Rätselhilfe dann auch mehr sein, als nur eine Alibi-Funktion für unlogische Rätsel.
Dass man sich sämtliche benutzbare Gegenstände auf dem Screen anzeigen lassen kann, sollte meiner Meinung nach absoluter Standart eines jeden Point & Click-Adventures werden! Da müssen sich die Entwickler nämlich ihren Schwierigkeitsgrad woanders herholen als im möglichst guten Verstecken der benötigten Items (Die Streichhölzer oder Zigarettenkippen im ersten Teil hätte ich sonst niemals gefunden). Bei den Lucas Arts-Klassiker hat’s ja auch funktioniert! Jedenfalls kann ich mich an keine pixelgenaue Absuchaktion in Monkey Island 1 oder 2 erinnern und diese Spiele waren dennoch fordernd. Insofern ein Lob an den Mut der Geheimakte-Macher, sich nicht hinter grafischen Tricks zu verstecken.
Ein anderer Punkt, der oft kritisiert wird, ist die Tatsache, dass Gegenstände immer benutzbar sind, auch, wenn die Vorraussetzungen für ihre eigentliche Benutzung noch gar nicht geschaffen sind. Nachdem ich zuvor Runaway 2 durchgespielt hatte, habe den beiden Geheimakte-Teilen aber genau das sooo hoch angerechnet! Die Tatsache, dass alle Gegenstände gleich miteinander Kombinierbar sind und deren augenscheinliche Sinnlosigkeit im Idealfall noch kommentiert wird, ist definitiv ein großer Pluspunkt für die Serie. (Bsp.: Max’ Kommentare zur “potentiellen Käsesuppe” spiegelten meine Gedanken in dem Moment perfekt wieder!) Ich finde, dieses “Runaway-Syndrom” ist das Schlimmste, was einem Adventure überhaupt passieren kann. Findige Entwickler finden einen guten Mittelweg zwischen Logik und Fairness. (Im Idealfall kommt eben ein Kommentar, dass diese Aktion im gegebenen Moment eher sinnlos erscheint, aber man vielleicht später darauf zurückkommen könne - wie in Geheimakte 1/2 durchaus vorhanden.)
Grafik und Sound:
Meiner Meinung nach gibt es hier (fast) nichts zu meckern. Das reinzoomen bei Gesprächen ist ein sehr schöner Effekt, der die Aufmerksamkeit auf das Wesentliche lenkt.
Ninas ‘angeblich’ steife Hüfte ist mir zu keinem Zeitpunkt negativ aufgefallen. Und zum Thema Lippensynchronität: mal ehrlich - wer achtet bei einer Nahaufnahme dieser Frau noch auf den Mund? *gg* Allerdings habe ich auch kurz zuvor noch X3 gespielt und was man da von synchronen Lippenbewegungen versteht ist jenseits von gut und böse!
Die sparsam eingesetzte Musik hat mir durchaus gefallen, allerdings hätte es etwas mehr Atmosphären-Sounds geben können.
Die Qualität der Sprecher steht wohl außer Frage. Wie Nina zu Beginn von Teil 1 schon bemerkte, ist das Fehlen von Sprüchen wie “Das geht nicht!” oder “Das kann/will ich nicht tun!”, wie sie ‘einige ihrer Kollegen’ von sich geben würden, eine willkommene Abwechslung zum sonstigen Adventure-Standart. (und wieder ein Beispiel für sparsam eingesetzen und daher umso wirkungsvolleren “Meta-Humor”.) Bitte beibehalten!
Story (könnte Spuren von Spoilern und Erdnüssen enthalten):
Ich hatte eigentlich bis zum Schluss nicht den Eindruck einer flachen Story, wie andernorts oft kommentiert, was aber hauptsächlich daran lag, dass ich auf die große Wendung wartete. Für mich war zB. von Anfang an klar, dass- nein, das kann ich dann doch noch nicht verraten
! Dennoch: Mehr Story, mehr Tiefgang und vor Allem einer konsequenteren Durchführung angefangener Erzählstränge. Mir gefält die humorvolle Zusammenfassung am Ende jedes Teils und hier darf meiner Meinung nach nun auch so viel Meta-Wir-sind-ja-alle-nur-Figuren-in-einem-Computerspiel-Humor rausgehauen werden, wie möglich. Aber die große Menge an Figuren, denen man hier zwanghaft ein Ende aufdrückt verdeutlicht doch eigentlich nur, wie inkonsequent manche Erzählstränge ausgeführt werden. Ich war zB. schon ein Wenig stolz auf mich, als ich den “Clochard” als Detektiv aus dem ersten Teil wiedererkannte und freute mich schon auf seine bewegende Lebensgeschichte und eine Erklärung, warum er denn nun doch nicht tot sei. (Das wurde ja mit seiner Bezeichnung als -”Leiche”- am Ende des ersten Teils schon angedeutet.)
Fazit:
Trotz einiger Mängel ist Geheimakte Tunguska eines der besten Point & Click-Adventures, die je aus deutschen Entwicklerstuben kamen. Wer sich die Wartezeit auf kommente Adventure-Hits wie “Ceville” oder “The Book Of Unwritten Tales” verkürzen will, sollte zumindest die 9,99 € für den ersten Teil investieren - es lohnt sich wirklich! NinaKalenkow steht für mich schon jetzt auf einer Stufe mit George Stobbart und Brian Basco. Aber auch die Wii- bzw. DS-Version könnte durchaus einen Blick wert sein.